Wirkung und Platzierung – Erfolgsfaktoren auf dem Truppenübungsplatz und im Leben

In diesem Artikel möchte ich einige Gedanken dazu teilen, unter welchen Voraussetzungen sich Erfolg einstellen kann. Lass mich diese Voraussetzungen auf etwas archaische Weise veranschaulichen und zunächst erklären, wie man ein Ziel erfolgreich mit einem Granatwerfer bekämpft.

Ich habe meinen Militärdienst im Österreichischen Bundesheer zwischen Spätsommer 1999 und Frühjahr 2000 abgeleistet. Ich wurde einer sogenannten schweren Kompanie zugeteilt und auf dem mittleren und schweren Granatwerfer ausgebildet. Ersterer hat ein Kaliber von 81 mm und kann – in 3 Einzelteilen – von einer Gruppe getragen werden. Letzterer hat ein Kaliber von 120 mm und muss aufgrund seines Gewichts von einem Lkw gezogen werden. 

Mit Daten zielen

Ein Mörser ist eine Steilfeuerwaffe. Das bedeutet, dass man das Ziel niemals direkt anvisiert, wie man es zBsp. mit einem Gewehr macht. Stattdessen arbeitet man abstrakt: Man stellt für das Rohr eine bestimmte Richtung und einen Neigungswinkel ein – und bringt an der Granate mehr oder weniger Treibladung an. Mit diesen 3 Variablen wird erreicht, dass die Granate – nach einem steilen Auf- und einem ebenso steilen Abstieg – schließlich mehr oder weniger genau am gewünschten Punkt aufschlägt. Und dieser Punkt könnte zBsp. hinter einen Berg liegen, ohne jeden Sichtkontakt mit dem Granatwerfer.

Die genannten Variablen – Richtung, Neigung und Treibladung – sind das Ergebnis einer Berechnung ausgehend von den Zielkoordinaten. Die Zielkoordinaten werden dem Rechner (gemeint ist hier eine Person, kein Gerät) per Funk von den Beobachtern übermittelt. Die Beobachter sind ein kleines Team von Spezialisten, die darauf trainiert sind, sich zu jeder Jahreszeit unbemerkt im Gelände (hier: den Bergen) zu bewegen. So befinden sie sich auch zum entscheidenden Zeitpunkt an einem völlig anderen Ort als die Mörser – in der Regel an einem höheren Punkt, von dem aus sie eine gute Sicht auf das Ziel haben.

Mörser-Trupp

Bildquelle picryl.com, Urheberrechtsinhaber Defense Visual Information Distribution Service (DVIDS) – Dieses Bild entspricht ziemlich genau dem, wie wir damals ausgesehen haben. Nur dass wir jünger waren und ordentliche Wintertarnung trugen.

Erfolgsfaktoren

All diese Anstrengungen dienen, wie du dir denken kannst, dazu, die Mörsergranate so nah wie möglich an das Ziel zu bringen.

Diese Platzierung ist der zweite von zwei wesentlichen Faktoren, die Erfolg bedingen. Der erste, offensichtlichere Faktor ist die Wirkung selbst. Als Soldat am Granatwerfer muss man sich darüber nicht allzu viele Gedanken machen, da man sie – in Form der Mörsergranate oder, um ganz genau zu sein, deren Sprengladung – einfach aus dem Rucksack oder von der Ladefläche des Lastwagens nimmt.

Das Spannende daran ist doch, dass es immer um beides geht. Es reicht nicht aus, etwas zu haben, das (oder jemand zu sein, der) große Wirkung hat – das (der) funktioniert, nützlich ist und Ergebnisse liefert. Ebenso unerlässlich ist es, dieses Etwas (oder sich selbst) dort einzusetzen, wo die Wirkung zum Einsatz und der Nutzen zum Tragen kommt – im Gegensatz zu den vielen anderen Orten, an denen es keinen fucking Unterschied macht, ob das Ding (oder du selber) gerade eine bahnbrechende Leistung erbracht hat oder nicht.

Erfolg entsteht aus zwei Faktoren: Wirkung und Platzierung. Beide sind notwendige Voraussetzungen. Wenn eine der beiden nicht erfüllt ist, dann kann die andere auf die beste Art der Welt erfüllt sein – das Ergebnis ist trotzdem null. Das ist gleichermaßen brutal, und eine wichtige Einsicht – ich persönlich habe sie etwas zu spät gewonnen.

Wirkung ist Produktentwicklung – Platzierung ist Marketing, Vertrieb und Distribution. Wirkung ist dein Talent, deine Ausbildung und deine einzigartigen Fähigkeiten – Platzierung ist der richtige Sessel im richtigen Unternehmen, wo du all das voll und ganz einsetzen kannst. Wirkung ist dein wichtiges Buch, in dem alles steckt, mit Herz und Seele perfekt geschrieben – Platzierung ist, dass es gekauft wird, möglicher Weise sogar gelesen, möglicher Weise sogar von den richtigen Leuten. Wirkung ist deine Persönlichkeit und dein Charme und all das Gute, das du im Laufe der Jahre geworden bist – Platzierung ist, jemanden zu finden, in Kontakt zu kommen und schließlich eine Beziehung einzugehen, in der all das gesehen wird.

Oder auch nicht: Jeder Erfinder, dessen Gerät nie einen dankbaren Nutzer gefunden hat, kann dir dazu einiges erzählen. Das Gleiche gilt für jeden fähigen Mitarbeiter, der sich in der falschen Abteilung des falschen Unternehmens plagt, und für jeden unter uns, dessen attraktives Äußeres und gewinnende Art in noch keiner liebe- und vertrauensvollen Beziehung erblühen konnte. 

Wirkung ist gestern, Platzierung ist heute

Nicht nur in den genannten Beispielen, sondern auch in vielen anderen Fällen ist die Arbeit an der Wirkung etwas Langfristiges: Sie muss in der Zeit vor der Platzierung aufgebaut, entwickelt und etabliert werden (Stunden im Fitnesscenter, Persönlichkeitsentwicklung, die Schule des Lebens). Die Wirkung ist etwas, das du erfolgreich vorbereitet hast und nun mit dir trägst – oder auf der Ladefläche eines Bundesheer-LKWs findest.

Die Platzierung hingegen findet im Jetzt statt. Sie folgt aus dieser Vorbereitung – und wo genau du die vorbereitete Wirkung platzieren sollst, ergibt sich manchmal erst aus der Vorbereitung der Wirkung.

Vielleicht gibt es Wirkungs-Menschen und Platzierungs-Menschen. Wenn das der Fall ist, bin ich sicherlich Ersteres. In meinem Erwachsenenleben habe ich mir hundert Produkte ausgedacht, von denen ich einige tatsächlich ein Stück weit fertig entwickelt habe. Einige davon hätten nützlich sein können, aber wenn es darum ging, diese Dinge bekannt zu machen und die richtigen Nutzer damit zu erreichen, habe ich – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht abgeliefert.

Und vielleicht entwickelt sich alles genau in diese Richtung. Während es in der heutigen Welt immer einfacher wird, neue Dinge zu entwerfen, zu bauen und zu testen (ich sage nur Vibe-Programming), wird es gleichzeitig immer schwieriger, echtes Interesse daran zu wecken oder überhaupt echte Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn die heutige Welt ist einerseits voller neuer Möglichkeiten und hilfreicher Werkzeuge – andererseits ist sie laut und überfüllt, und die Menschen um uns herum haben kaum noch etwas von ihrer (kommerzialisierten) Aufmerksamkeit übrig.

Und du?

Und wie steht es um deine Wirkung, und deine Platzierung? Die folgenden Fragen beziehen sich gleichermaßen auf dein berufliches und dein privates Leben. In allen Fällen sind mehrere Antworten möglich. Es handelt sich um dasselbe Thema, betrachtet von zwei entgegengesetzten Seiten.

  • Was ist die beste Wirkung, die du zu bieten hast – und setzt du sie schon am richtigen Ort ein? Wo wäre ein besserer Ort, um sie einzusetzen? Was wäre anders, wenn du sie an einem passenderen Ort einsetzen würdest?
  • Wo musst du Leistung bringen und Wirkung zeigen? Bringst du an dieser Position deine beste Leistung? Und wenn nicht, wie kannst du das erreichen? Oder was würde es bedeuten, dich aus dieser Position zurückzuziehen?

Ich wünsche dir, dass du etwas schaffen UND es dorthin bringen kannst, wo es tatsächlich zum Einsatz kommen kann; dass du wertvolle Fähigkeiten entwickeln UND Menschen und Aufgaben findest, bei denen diese gesehen und geschätzt werden.